Home Blogpost Wie eingefroren: Übungen gegen Freezing bei Morbus Parkinson
Wie eingefroren: Übungen gegen Freezing bei Morbus Parkinson
Blogpost
7. März 2023 8 minutes
Home Blogpost Wie eingefroren: Übungen gegen Freezing bei Morbus Parkinson
Stockbild: Füße einer Frau ohne Schuhe im Schnee
Slinky Background

Das Symptom Freezing of Gait und wie man dem gezielt entgegenwirken kann

Morbus Parkinson ist eine neurodegenerative Erkrankung, die sehr langsam voranschreitet. Im Verlauf der Erkrankung treten eine Reihe von Symptomen auf, die angefangen von Zittern bis hin zur Starre von bestimmten Körperteilen reichen. Eines davon ist das sogenannte Freezing, bei dem die Beine plötzlich erstarren und kein Fuß mehr vor den anderen gesetzt werden kann. In diesem Blog zeigen wir, wie diese Gangblockade durch Verhaltensänderungen und gezielte Übungen positiv beeinflusst werden kann.

 

Wenn die Beine erstarren – das motorische Symptom „Freezing of Gait“

Als Betroffener kennen Sie es vielleicht: Man geht in der Wohnung herum und will in ein anderes Zimmer abbiegen. Plötzlich geht aber gar nichts mehr. Die Schritte werden immer kleiner, man kommt schließlich komplett zum Stillstand und kann sich plötzlich keinen Zentimeter mehr vorwärts bewegen. Manche Patienten beschreiben auch, dass es ihnen zwar noch möglich ist, kleine Schritte am Platz zu machen, sie sich aber trotzdem nicht vom Fleck bewegen können. Ein Gefühl, als ob die Füße eingefroren wären, kommt in ihnen hoch. Dieser Zustand kann unterschiedlich lange dauern: angefangen von einigen Minuten bis zu einer halben Stunde oder auch länger.

In den meisten Fällen tritt das Erstarren der Beine auf, wenn Betroffene zu gehen beginnen (wie eine Art Starthemmung), Drehungen ausführen, enge Durchgänge wie Türen passieren, duale Tasks ausführen (wie sprechen während des Gehens) oder sie ein bestimmtes Ziel erreichen wollen. In der Fachliteratur wird dieses Symptom „Freezing of Gait (FOG)“ genannt und ist neben der posturalen Instabilität (Haltungsinstabilität) eines der auffälligsten Zeichen einer Parkinson Erkrankung. Im folgenden Text wird Freezing of Gait als „FOG“ abgekürzt.

 

Management des FOG durch Aufmerksamkeitsschulung und weitere Übungen

Patienten, Therapeuten und Studien beschreiben verschiedene Übungen und Methoden, mit denen man Freezing beeinflussen kann. Dies geht einerseits mit der Lenkung der eigenen Aufmerksamkeit auf das Gehen: Auch wenn das Symptom noch nicht spürbar ist, sollte man die Aufmerksamkeit bewusst auf die eigenen Schritte lenken. Dadurch kann das FOG hinausgezögert oder im Idealfall sogar verhindert werden.

Hat das FOG bereits eingesetzt, gibt es ebenfalls Maßnahmen und Möglichkeiten, um im Moment der Unbeweglichkeit wieder aus dem Freezing herauszufinden. Außerdem gibt es auch Übungen, die – wenn sie regelmäßig gemacht werden – die Freezing-Attacken nach und nach reduzieren können.

 

Alles beginnt mit der Selbstbeobachtung: Vielleicht sind die kritischen Stellen in der Wohnung bereits bekannt oder es sind immer wieder gewohnte Wege, an denen es tendenziell eher zu einem FOG kommt? Viele Patienten berichten auch von bestimmten Tageszeiten, zu denen das FOG eher auftritt oder sie haben einen Zusammenhang mit ihrer Medikamenteneinnahme feststellen können. Sind all diese Dinge einmal bekannt, kann das FOG Management verbessert werden und Sie können sich von Mal zu Mal besser auf das FOG vorbereiten.

Tritt nun der Fall ein, dass Sie das Gefühl haben, sich unmittelbar vor einem FOG zu befinden und es beim Gehen zu Schwierigkeiten kommen könnte, versuchen Sie bewusst, vermehrt große und rhythmische Schritte zu machen. Oder probieren Sie, die Knie betont höher als normal und nötig zu heben. Besonders beim Drehen in eine andere Richtung sollte man darauf achten, dass die Schritte sehr deutlich ausgeführt werden. Durch aufmerksames und bewusstes Setzen jedes einzelnen Schrittes kann so das FOG beeinflusst werden.

 

Sowohl Patienten mit Morbus Parkinson berichten davon als auch in der Literatur gibt es deutliche Hinweise dazu, dass ein Gangtraining das FOG positiv beeinflussen kann. Einige dieser Vorschläge möchten wir Ihnen vorstellen und zeigen, wie Sie Ihr Training damit gestalten können.

Definieren Sie eine bestimmte Gehstrecke und versuchen Sie, diese in unterschiedlichen Varianten zu gehen:

  • Variante 1: Gehen Sie in großen Schritten vorwärts und danach rückwärts.
  • Variante 2: Achten Sie beim Gehen auf eine gleichmäßige Spurbreite.
  • Variante 3: Gehen Sie und heben Sie bei jedem Schritt das jeweilige Knie hoch an.
  • Variante 4: Machen Sie beim Gehen große Seitwärts-Schritte in beide Richtungen.

Die Übungen können Sie steigern, indem Sie Ihre Arme beim Gehen gleichmäßig mitbewegen; das heißt, die Arme schwingen gegengleich – ähnlich wie zwei Pendel – vor und zurück.

Bild eines älteren gehenden Mannes

 

  • Beim Gangtraining ist unbedingt auf eine sichere Umgebung zu achten. Bevor Sie starten, vergewissern Sie sich, dass alles aus dem Weg geräumt ist, damit keine Sturz- bzw. Verletzungsgefahr besteht.
  • Überfordern Sie sich nicht: Wählen Sie zuerst eine Distanz, die Sie leicht bewältigen und bei der Sie nicht außer Atem kommen. Mit der Zeit und zunehmender Übung können Sie die Länge der Gehstrecke nach und nach steigern. Wenn nötig, können Sie zu Ihrer eigenen Sicherheit auch Hilfsmittel wie zum Beispiel Stöcke verwenden.
  • Sollten Sie wenig Platz in Ihrer Wohnung zur Verfügung haben, denken Sie daran, dass Sie auch im Kreis gehen können, während Sie die Übungen ausführen. In jedem Fall sollte der Gang rhythmisch und gleichmäßig bleiben.
  • Scheuen Sie sich nicht, auch Ihren Therapeuten bzw. Ihre Therapeutin nach Unterstützung zu fragen: Er oder sie kann mit Ihnen ein persönliches Gangtraining erarbeiten, das ganz auf Ihre individuellen Bedürfnisse abgestimmt ist.
Slinky Background

„Cueing“ – ein Impuls, der befreien kann

Mit „Cueing“ wird ein Impuls bezeichnet, der dabei hilft, im Gangrhythmus zu bleiben oder sich aus dem Gefühl des „Festgefrorenseins“ zu befreien. Dieser Impuls kann sowohl auditiv, visuell als auch taktil sein. Er kann entweder von Ihnen selbst oder unter Einsatz von diversen Hilfsmitteln gesetzt werden:

 

Auditives Cueing

Setzen Sie bei den oben genannten Übungen einen Impuls, indem Sie…

… laut und rhythmisch mitzählen.

… ein rhythmisches Lied singen.

Bedienen Sie sich dabei verschiedener Hilfsmittel: Sie können sich Kopfhörer aufsetzen und sich das Lied oder den Rhythmus vorspielen lassen. Probieren Sie verschiedene Versionen und Methoden aus und finden Sie für sich heraus, ob es für Sie effektiver ist, selbst zu zählen oder die Kopfhörer zu Hilfe zu nehmen. Einige Patienten schaffen es sogar, sich mit lautem Zählen auch aus der bereits eingetretenen Unbeweglichkeit zu befreien.

 

Visuelles Cueing

Neben dem akustischen Reiz gibt es auch das visuelle Cueing, bei dem ein optischer Impuls gegeben wird. In der Praxis sieht das folgendermaßen aus:

Variante 1: Wählen und definieren Sie auf Ihrer Gehstrecke Abstände, die Sie mit dem nächsten Schritt erreichen wollen.

Variante 2: Je nach Möglichkeit können mithilfe eines Klebebandes Linien am Fußboden markiert werden, über die gestiegen werden soll.

Variante 3: Eine weitere Möglichkeit sind spezielle Adaptierungen für Stöcke, die einen Laserstreifen vor Ihre Füße auf den Boden projizieren, über den man steigen soll. Fragen Sie am besten Ihren Orthopädiemechaniker, der Ihnen bestimmt bei der Beschaffung eines solchen Produkts behilflich sein kann.

 

Taktiles Cueing

Beim taktilen Cueing erfolgt ein Berührungsreiz in Form eines leichten rhythmischen Schlagens auf die Oberschenkel während des Gehens – das kann den Bewegungsfluss positiv beeinflussen. Auch dazu gibt es Geräte, die man an den Beinen anbringen kann und die über einen Vibrationsimpuls zum Gehen auffordern.

Gruppe von drei älteren Frauen, die am Strand spazieren gehen

Gruppentherapie

Das Training allein zu Hause kann mit der Zeit eintönig werden. Suchen Sie eine passende Gruppe, in der Sie gemeinsam mit anderen üben und sich gegenseitig motivieren können. Fragen Sie Ihren Therapeuten, suchen Sie nach Selbsthilfegruppen oder recherchieren Sie im Internet, ob es in Ihrer Umgebung ein Gangtraining in der Gruppe gibt.

Studien zeigen, dass insbesondere das Freezing – wenn es in der Gruppe trainiert wird – positiv beeinflusst werden kann. Übrigens gehört dazu auch regelmäßiges Tanzen, um Freezing entgegenzuwirken.

Stockbild: Frau, die auf dem Laufband in einem Fitnessstudio läuft

Laufbandtraining

Laufbandtraining hat ebenfalls mehrere Vorteile für Patienten mit Parkinson-Krankheit. Man ist unabhängig von Wind und Wetter und kann daher regelmäßig trainieren. Während das Mitschwingen der Arme beim Gehen empfohlen wird, ermöglichen die Handläufe ein sicheres Training, da man sich jederzeit festhalten kann. Es gibt eine große Auswahl an Laufbandmodellen für den Heimgebrauch. Wer jedoch nicht in ein eigenes Laufband investieren möchte, kann alternativ eines im Rahmen eines Fitnessstudio-Abonnements oder einer Bewegungstherapie nutzen. Studien haben gezeigt, dass regelmäßiges Laufbandtraining dem Freezing entgegenwirken kann. Diese Trainingsform scheint bereits nach wenigen Wochen positive Effekte zu haben. Dennoch sollte man sich zunächst von einer Fachperson beraten lassen: Der behandelnde Therapeut erklärt gerne die richtige Bedienung und die passenden Einstellungen des Geräts.

Die Diagnose Parkinson und die damit einhergehenden Symptome können das Leben von Patienten oft stark einschränken. Richtige Übungen und eine regelmäßige Trainingsfrequenz können aber dabei helfen, wieder mehr Sicherheit und Selbstbestimmtheit im Alltag zu erlangen.

 

Quellenangabe:

DGNR – Deutsche Gesellschaft für Neurorehabilitation e.V. (n.d.). 2017, from http://www.dgnr.de/

Ginis, P., Nackaerts, E., Nieuwboer, A., & Heremans, E. (2018). Cueing for people with Parkinson’s disease with freezing of gait: A narrative review of the state-of-theart and novel perspectives. Annals of Physical and Rehabilitation Medicine, 61(6), 407–413.

Gómez-González, J., Martín-Cashttps://doi.org/10.1016/j.rehab.2017.08.002as, P., & Cano-de-la-Cuerda, R. (2019). Effects of auditory cues on gait initiation and turning in patients with Parkinson’s disease. Neurología (English Edition), 34(6), 396–407.

Nieuwboer, A., Kwakkel, G., Rochester, L., Jones, D., van Wegen, E., Willems, A. M., Chavret, F., Hetherington, V., Baker, K., & Lim, I. (2007). Cueing training in the home improves gait-related mobility in Parkinson’s disease: The RESCUE trial. Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry, 78(2), 134–140.